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Hans Belting, Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst, München 1991, S. 12.

 

von Gott zu sprechen oder vom Glauben, vom Übel oder vom Bösen ebenso wie vom Reich Gottes – das geht nicht ohne Sprachprobleme und Sprachproblembewusstsein. Denn wer hier nur wiederholen würde, was immer schon gesagt ist; wer sich beruhigte mit dem Üblichen, der lässt andere sprechen an seiner statt. Und das führt zu Papageiensprache, zu hohlen Phrasen.

Sprachproblembewusstsein entsteht erst, wenn man sich in der Verantwortung sieht, selber zu sagen, was man meint, mit mehr oder weniger selbst gewählten Worten. Und das ist leichter gesagt als getan. Denn die Aufgabe fordert einen gewagten Sprung ins eigene Sagen – was nicht ohne Abstürze gelingen kann. Wenn einem da nie die Worte fehlen würden, hätte man gar nicht erst gesucht.

Belting meinte so treffend: «Die Frage ist also, wie man über die Bilder sprechen und was man an ihnen betonen soll.» [7] Das Sprechen von Kunst hat mit Fremdheitserfahrungen und mit radikaler Andersheit zu tun. Wenn man ‹vor einem Bild› spricht – spricht man erst einmal zu sich selbst. Und wenn man versucht zu sagen, was man sieht, versucht man zu sagen, was sich zeigt. Es geht darin um den unendlich unselbstverständlichen Übergang vom Sichzeigen zum Sagen (vom Ding zur Sprache). Das erinnert nicht selten an das ‹Besprechen›, ja das ‹Beschwören› des Dings, um es zum Sprechen zu bringen. Als könnte es sprechen, selber sagen, was soll das bedeuten. Manche Bildbesprechung wirkt wie ein Beschwörungsritual – oder auch wie Exorzismen (das Hokuspokus der Kunstkritik gelegentlich auch).

Wie das Lesen Texte erst sinnvoll werden lässt – so wird das Bild im ‹Besprechen› zum Gegenstand der Interpretation, und das heisst: der Zuschreibung von Sinn (oder auch von Unsinn). Das Bild selber ‹spricht› nicht, ebenso wenig wie es weint oder blutet, wenn man es schlägt oder handgreiflich wird, wenn man es neben andere, unpassende Bilder hängt. Das ist bitte nicht konstruktivistisch misszuverstehen. Sicher ‹zeigt sich› etwas. Aber das zu sagen und den möglichen Sinn zu formulieren, ist unvertretbar die Aufgabe des Sprechenden, des Interpreten.

c) Schon ganz elementar gilt, dass es schwer fällt zu sagen, was man sieht, und ebenso schwer fällt es zu sagen, was man meint. Daher war Hans Blumenbergs Traum vom Glück so schlicht wie erheblich: ‹sagen zu können, was sich zeigt›. In Fragen der Kunst verschärft sich das Problem. Denn was sich hier zeigt, stünde kaum unter Kunstverdacht, wenn es nicht irgendwie anders wäre als das immer schon Gesehene. Früher nannte man das originell oder kreativ, heute vielleicht eher einzigartig oder unverwechselbar.

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