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Eine Revision der Kategorie des Narrativen

Worauf zielt die Bestimmung eines Bildes als narrativ ab? Inwiefern kann eine Bildbeschreibung narrativ genannt werden? Diese Fragen erfahren keine Beantwortung, aber eine Verortung: Es soll gezeigt werden, dass nur aufgrund einer Verengung des Narrationsbegriffs die Anwendung der Kategorie ‹narrativ› als unproblematisch wahrgenommen wird.

Das ‹realistische Erzählen› (s. Anm. 3) scheint das durch die traditionelle Kategorie des Narrativen anvisierte Ideal zu bilden: Auf den ersten Blick handelt es sich um ein lineares, wenn auch retrospektives Erzählen. Die Kohärenz des Erzählens steht im Vordergrund, so dass sowohl das Erzählte als auch die Erzählung selbst eine starke Einheit bilden. Dies wird auf der Seite des Erzählten verstärkt, wenn (menschliche) Handlungen den Gegenstand der Erzählung bilden: Diese werden als darstellbare Einheiten, die wiederum Bestandteil noch größerer Einheiten (wie der Familie, der Nation etc.) sind, in ihrem Zusammenhang vorgeführt.

Durch die Retrospektive wird die Linearität und Kohärenz kurzgeschlossen: Das Jetzt bildet den Fluchtpunkt, so dass das Erzählen nicht nur linear, sondern teleologisch erfolgt und das Erzählte als Einheit (als erzählte Begebenheit) überblickt werden kann. Die genannten Kriterien deckt in ausgezeichneter Weise das ‹historische› fiktionale Erzählen ab, das die prominenteste Erzählweise im literarischen Realismus [4] bildet. Denn durch die Retrospektive und den Fokus auf Vergangenes kann sowohl die Linearität in der Form einer Nacherzählung des Zeitverlaufs (die Chronik als Muster) als auch die Kohärenz in der Form eines zeitlichen Zusammenhangs bis zum Jetzt unterstrichen werden. Ausgehend von historischen Daten und Ereignissen scheint der Wirklichkeitsbezug des historischen Erzählens ausser Frage zu stehen und die Frage nach dem Wahrheitsgehalt des Erzählens, da bereits entschieden, suspendiert zu sein. Zwar bilden Katastrophen und Krisen in der Form von Kriegen oder Naturereignissen den Gegenstand des historischen Erzählens, doch das Erzählen selbst zeichnet sich – wie oben bereits festgehalten – durch einen vereinheitlichenden Zug aus. Das Erzählte schlägt nicht auf die Darstellungsebene durch: So krisenhaft die zu erzählende Wirklichkeit auch ist, das Erzählen selbst bleibt davon unberührt. Spätestens bei dieser Formulierung regen sich Zweifel, inwiefern ein harmonisierendes Erzählen dem zu Erzählenden gerecht werden kann: Wie ‹historisch› ist das Erzählen selbst? Oder funktioniert die Historie, als Vorlage dieser Form des Erzählens, selbst bereits vereinheitlichend, d.h. aussparend?

 
<<  Ausgabe 01 | Seite 58  >>