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Das realistische Erzählen in der Form des historischen (fiktionalen) Erzählens betont seinen Replikcharakter auf die Zeitlichkeit, suggeriert eine adäquate, da historische Darstellung derselben, ohne die Ebene der Darstellung oder Medialität zu thematisieren. [9] Gerade hierin liegt aber die Sprengkraft der Zeit für das historische Erzählen, das als Narration – wie mit Ricœur zu zeigen sein wird – nur eine annähernde Darstellung vollziehen kann, d.h. die Ausgangslage fliesst in die Narration mit ein und prägt deren Struktur. [10] Gerade im Insistieren auf das Darstellen der Zeit/Wirklichkeit, was formal z.B. über Rahmenerzählungen und inhaltlich über die Themenwahl aus dem Fundus des Historikers erfolgen kann, zeigt sich eine dem realistischen Erzählen eingeschriebene Problematik, ja Aporetik.

Die Aporetik der (narrativen) Zeitdarstellung

Ricœurs Narrationskonzept wurde ausgehend von den beiden narrativen Modi dargestellt. Es zielt darauf ab zu veranschaulichen, dass der Zugang zur Wirklichkeit nur vermittelt erfolgen kann und dass die Narration das ausgezeichnete Mittel [11] ist, um diesen Zugang zwar nicht restlos zu erlangen, doch in seiner Problematik anzuzeigen. Worin liegt nun aber die mit der Zeitdarstellung einhergehende Problematik begründet? Inwiefern konzipiert die Narration das, was als Zeit zu denken ist, und inwieweit schlägt sich die Zeit in dem, was die Narration ausmacht, nieder?

Am Ende von Zeit und Erzählung widmet sich Ricœur ein letztes Mal der Frage, wie das Verhältnis von Zeit und Erzählung zu denken sei. [12] Er nähert sich dieser Thematik, indem er die Narration in ihrem Replikcharakter – als Replik auf die Aufgabe, die Zeit darzustellen oder zu refigurieren [13]  – zu verstehen sucht. Die Analyse fördert drei Aporien zutage, die in unterschiedlicher Art und Weise der «Unerforschlichkeit der Zeit» (so der ‹Titel› der dritten und basalsten Aporie [14]) Ausdruck verleihen. Die Formulierung verweist bereits auf den Zusammenhang von Aporie und Darstellung:

Ebenso wenig wie die Zeit können auch die Aporien nicht unmittelbar referiert werden, wobei Ricœur sich an dieser Stelle vor allem gegen einen rein phänomenologischen Zugang zur Zeit ausspricht. [15] Ricœurs Argumentation geht dahin, die Narration als ein Aushalten der Aporie zu verstehen und in Folge, mit Blick auf die Aporetik der Zeitdarstellung, das (selbst)kritische Potential der Narration anzuzeigen.

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