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Es handelt sich hierbei um einen Apell an Ehre und Gewissen der Piloten.

 

Daniels erkennt daraufhin, dass in dieser Situation nicht das Virus, sondern das System sein grösster Feind ist. Während der von Donald Sutherland gespielte General McClintock jenes herkömmliche politische Denken verkörpert, das auf die Unübersichtlichkeit neuartiger feindlicher Akteure mit einer militärisch entfesselten Totalmobilmachung zum Schutz des klassischen Modells staatlicher Ordnung reagiert, gelingt es Daniels, sich in die Logik der viralen Operationsweise einzufühlen und den ursprünglichen Feind zu kulturalisieren. [29]

Statt also wie McClintock das Motaba-Virus auf eine kognitiv beherrschbare Ebene zwischenmenschlicher Konfliktlagen und bewährte Mittel zu ihrer Lösung zu ziehen, macht Daniels die Flexibilität des Motaba-Virus zu seinem eigenen Handlungsmuster. Um den Abwurf einer Bombe über dem Zentrum der Virus-Epidemie, der Kleinstadt Cedar Creek, zu verhindern, kapert er einen Militär-Helikopter und entzieht sich wie die Motaba-Viren der Kontrolle und Sichtbarkeit, indem er unterhalb des Radars fliegt und systemeigene Ressourcen nutzt. Als er den Bomber kurz vor der Abwurfzone lokalisiert hat, beginnt Daniels über den militäreigenen Kanal zu funken. Die Kräfteverhältnisse werden in dieser Szene überdeutlich: Daniels blockiert mit seinem kleinen, aber wendigen Hubschrauber die Abwurfzone und infiziert den militäreigenen Funkkanal mit seiner ‹tödlichen› Botschaft [30]. Der im Vergleich riesige Bomber verzichtet in der Folge auf die Liquidierung des Eindringlings, dreht ab und lässt die Bombe über dem Meer detonieren. Doch Daniels Botschaft hat nicht nur den Bomber, sondern den ganzen militärischen Apparat mit Ausnahme von McClintock infiziert. Dieser wird nach dem vereitelten Bombenabwurf von Daniels Vorgesetztem General Ford von seinem Kommando entbunden und verhaftet. Für Daniels ist damit der Weg frei, sich wieder seinem Kampf gegen das Virus zu widmen und ein Antiserum herzustellen, das das Virus schliesslich besiegt.

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Eva Horn, Die Ungestalt des Feindes: Nomaden, Schwärme, in: MLN 123/3, 2008, S. 656–675, S. 658.

 

Conclusio: Aus der Dunkelheit ins Licht

Mit dem feindlichen Motaba-Virus bezeichnet Outbreak die «Figur einer Grenze des Eigenen, einer Grenze dessen, was als eigene Kultur, eigene Gesellschaft, eigene Organisationsform gefasst und gedacht werden kann.» [31] Die Grenze zwischen Eigenem und Fremdem verläuft mithin durch das Virus, oder besser: durch die Visualisierung des Virus. Der Film ist daher nicht nur eine erstaunlich frühe filmische Bearbeitung einer zeitgemässen Freund-Feind-Reflexion, sondern bringt vor allem eine Problemlage der modernen Gesellschaft zum Ausdruck, die nicht mehr im Bild einer um ein Zentrum organisierten sozialen Ordnung zu sich selbst kommt.

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