>>
 

«Le dessin est l’ouverture de la forme» meint dann zweierlei: einmal Eröffnung als ein Anfang oder Ursprung der Form, die mit der zeichnerischen Geste entsteht, sodann die stetige Offenheit der hingezeichneten Form, die auch als fertige Zeichnung nicht abgeschlossen ist, nicht zur Ruhe kommt. Die Zeichnung deutet zurück auf den Spielraum der zeichnerischen Geste, die der Zeichnung voraus- und in diese eingeht, sowie vor auf die eigenste Möglichkeit der Zeichnung, nämlich: die Offenheit der Form selbst, die keine bloss abgezirkelte res extensa ist. Nicht nur die zeichnerische Geste, die seit den ersten Höhlenmalereien immer wieder neu dazu ansetzt, Formen zu eröffnen, auch die scheinbar fertige Zeichnung, diese meist distinkte graue Linie auf weissem Grund, erweist sich gemäss Nancy als wesentlich offen. Spätestens seit Klees «träumender Linie», wie es Henri Michaux einmal formuliert, dürfte dem grösseren Publikum bekannt sein, dass sich die Form der Zeichnung – damit die Zeichnung selbst, deren Inhalt nichts anderes ist als ihre Form – massgeblich durch eine unabschliessbare Unbestimmtheit auszeichnet. Ganz zu schweigen von der Einsicht, dass Zeichnungen nicht bloss Vorstufen zu den eigentlichen Werken sind, leere Formen, die man ausmalt, um daraus «wirkliche» Kunstwerke zu machen.

Auf philosophisch meisterliche Weise stellt Nancy die Eigenständigkeit dieser Kunstgattung dar; der Text will indes noch mehr, er zielt auf eine philosophische Ästhetik in nuce, welche die linienziehende Geste in aller künstlerischen Mimesis – zumindest skizzenhaft – herausstellt. Auf gelassene Weise dekonstruiert Nancy dabei überlieferte Begriffsmuster der klassischen Ästhetik. Dies ist freilich nicht möglich, ohne einen beträchtlichen Apparat von Grundbegriffen abendländischer Theoriebildung in Bewegung zu versetzen. So vollzieht Nancy zahlreiche Verschiebungen und Uminterpretationen dessen, was Ästhetik, Ethik und Erkenntnistheorie unter den Titeln von Form, Idee und Stoff, Wesen, formbildende Kraft und Subjekt, Möglichkeit und Wirklichkeit, Werden und Vollendung, Sein, Mass, Harmonie, Zweckmässigkeit ohne Zweck, Wahrheit und Schönheit – oder eben Mimesis – seit jeher umtreibt.

«Der wahrhafte Charakter der Mimesis» bestehe darin, so fasst Nancy Philippe Lacoue-Labarthes These zusammen, dass die Mimesis «sich an keinem Modell orientiert.» (S. 78) Gerade im Überstieg der Differenz von Bild und Abgebildetem liege die Erkenntnislust, von der Aristoteles schreibt, die beim Identifizieren der Form mit einer Sache entstehe.

Diese für Nancys Ansatz zentrale Verkoppelung von Form und Lust als Lust an der Form ist erläuterungsbedürftig. Man darf den vorliegenden Text als den Versuch verstehen, die aristotelische Beobachtung mit eigenen Mitteln und unter Anverwandlung einer ganzen Begriffsgeschichte einzuholen.

<<  Ausgabe 03 | Seite 168  >>