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Der Ausschluss der Nachbildner aus dem platonischen Staat kann allerdings nur ein vorläufiger sein, so viel hält Sokrates fest, um einem «alte[n] Streit zwischen der Philosophie und der Dichtkunst» [31] vermittelnd entgegenzuwirken. Man müsse stets ein offenes Ohr für «ihre Verteidigung» [32] behalten.

An dieser Stelle ist es interessant zu sehen, dass sogar in der Politeia die Frage nach dem Erkenntnisvermögen der Nachbildner in einem früheren Passus anders als soeben ausgeführt beantwortet wird. Im sechsten Buch zieht Sokrates einen Vergleich von Philosophen und Malern heran, um zu erklären, welches Erkenntnisvermögen den rechten Hütern seines Staates eingeschrieben sein muss. Der Maler erscheint hier plötzlich ganz und gar nicht mehr als derjenige mit minderem Erkenntnisvermögen, sondern als dem Philosophen, der die Dinge in ihrem wahrhaften Sein erkennt, in gewisser Weise sogar ebenbürtig. Diejenigen, die ein anschauliches Urbild einer Sache in sich tragen seien «wie Maler, indem sie auf das Wahrhafteste sehen und von dorther alles, auf das genaueste achtgebend, übertrügen» [33]. Es gibt also hier durchaus den Gedanken, dass die Nachbildner einen Bezug zum wahrhaft Seienden besitzen und damit – im Zusammenhang von epistemologischem und ethischem Gehalt der Bilder – auch in ethischer Hinsicht wertvolle Werke hervorbringen können.

In den Nomoi betont «der Athener», dass nur diejenigen Darstellungen als gut gelten können – und dementsprechend auch für die Erziehung herangezogen werden sollen –, die die nachzubildende Sache auch richtig darstellen. [34]  Voraussetzung für die richtige Darstellung ist aber, dass der Künstler das entsprechende Erkenntnisvermögen mitbringt, dass er also das wahrhaft Seiende erkennen kann. Damit zeigt sich schon in der Politeia und in den Nomoi, dass die Ansprüche, die Platon an die Bilder heranträgt, einmal als vorläufig unerfüllt, das andere Mal als durchaus zu erfüllen angesehen werden.

Der Streit um Kunst und Bilder

Ist es um Platons Sicht der Bilder also vielleicht doch nicht so gleichmacherisch bestellt, wie Rancière dies suggeriert?

Ein Blick auf die verstreuten Bemerkungen in den verschiedenen Dialogen, in denen sich Sokrates immer wieder auf die Frage nach der bildenden Kunst und der Dichtkunst, der Redekunst, der Musik und dem Theater einlässt, legt nahe, dass bei Platon keineswegs Einigkeit darüber herrscht, wie es um den epistemologischen und hieran geknüpft den ethischen Wert der Nachahmung bestellt ist. [35]

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