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Benjamin hatte noch ans ferngelenkte Flugzeug als ein Beispiel für seine Idee einer zweiter Technik gedacht, was heute angesichts der Realität unbemannter Militärflugzeuge wohl ein Albtraum perfider Technik genannt werden muss. Aber wenn heute parallel zur kollektiven Erprobung vernetzter Intelligenz im Internet und zur Augmented Reality im pervasive Computing die Social Neurosciences ihre Triumphe bei der Konstituierung neuer Wirklichkeiten feiern, stehen wir damit am Beginn «leiblicher Innervationen des Kollektivs» und das obendrein im Bildraum einer durch das Konzept der Neuroplastizität enorm dynamisierten Hirntheorie. Buchstäblich den Spielraum zweiter Technik bestimmen heute smart technologies wie facebook und Wikipedia bzw. die Videospiele der Hirnforschung mit den entfremdenden Bildern unserer selbst. Wir sind heute ohne Zweifel Zeugen einer Ablösung klassischer Subjekt-Konzeptionen durch die virtuelle Realität kollektiver Mensch-Maschine-Hybride und das Menschenbild der Social Neurosciences, mit denen die Konstrukte kollektiven Verhaltens und sozialer Kooperation zu neuronalen Wirklichkeiten stabilisiert werden. [23]

Die Bildformate der Hirnforschung öffnen diese zweite Technik zu einem Experimentalraum einer zweiten Technik, dem bei allem Naturalismus der Darstellungsweise dabei ein Moment der Entfremdung und Entstellung eignet. Wenn sich «die Verfassung der Menschen» im «Umgang mit dieser Apparatur» der zweiten Technik angepasst haben wird, werden wir andere geworden sein. – Das ist der sich schon heute abzeichnende, konkrete Transhumanismus der Informationstechnologien und des Neuroenhancements. Neurowissenschaften und Neue Medien verschmelzen zu einem Verbund, der als Bildgenerator und Bildbearbeitungsmaschine nicht nur neue Wirklichkeiten schafft, sondern buchstäblich als jener kollektive Innervationsapparat operiert, auf den Benjamin spekuliert hatte.

Voodoo mit Wissenschaft

Zweifellos ist das Gehirn erst durch die Hirnforschung zu dem geworden, was es in unserer Wissensgesellschaft heute ist – der zentrale Ankerpunkt für die Frage nach dem humanum, dem Spezifischen menschlicher Existenz. [24] Längst bestimmen die Neurowissenschaften dabei nicht mehr nur in biologischer Hinsicht das spezifisch Menschliche. Kennzeichnend für die gegenwärtigen Neurokulturen ist, dass von der Pädagogik über das Strafrecht, die Philosophie und Sozialwissenschaften, Geschichte und Ästhetik bis zur kollektiven Selbstfindung und individuellen Selbstgestaltung alle möglichen Wissens- bzw. Erfahrungsfelder mittlerweile Andockstellen an neurowissenschaftliche Diskurse suchen. Damit treten neben die Szenarien einer individuellen Stimulation mittels künstlicher Bildwelten die unübersehbaren soziopolitischen Effekte popularisierter Hirnbilder.

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