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Diese Qualität des Filmischen besteht darin, ein ambivalentes Medium, das sich gegenüber der Entscheidung, ein realistisches oder ein anti-realistisches Medium zu sein, schlichtweg indifferent verhalten kann. Das filmische Bewegtbild kann, es muss aber keineswegs auf eine ausserfilmische Objektwelt Bezug nehmen; mit anderen Worten, es erschöpft sich nicht in einer referenziellen Bezugnahme zur ausserfilmischen Welt. Und andererseits gilt aber auch, dass das filmische Bewegtbild nicht auf das sukzessive Abfliessen einer Narration in einzelnen Filmbildern beschränkt ist, sondern aufgrund seiner fotografischen Herkunft eben auch den Anspruch einer indexikalischen Beziehung zum Dargestellten erheben kann.

Diese Gleichzeitigkeit von referenzieller und narrativer Qualität qualifiziert das Bewegtbild in besonderem Masse, ja macht es entsprechend der Intransparenz seines Gegenstandes zu einem besonders adäquaten Medium, um ein Wissen über ökonomische Prozesse zu erschliessen. Die Darstellung ökonomischer Prozesse im Bewegtbild ist dabei typischerweise durch eine chiastische Struktur gekennzeichnet: Es zeigt etwas, indem es etwas anderes verbirgt, und indem es etwas verbirgt, zeigt es etwas anderes; was gemeint ist, wird in einem anderen Bild dargestellt, während das Dargestellte wiederum eine Bedeutung erhält, die nicht sichtbar ist.

II.

Verglichen mit den ausserordentlich prominent verhandelten literatur- und kulturwissenschaftlichen Reflexionen zur Ökonomie, zum Geldsymbol und vor allem zur modernen Finanzökonomie, sind Perspektiven auf die Ökonomie, die dezidiert auf die bildmedialen Potenziale einer präsentativen Logik der ökonomischen Sinn- und Bedeutungsbildung fokussieren, recht überschaubar. [4] Wenn in dem vorliegenden Themenheft ein Problembezug exponiert wird – nämlich Beobachtungsprobleme und Darstellungsherausforderungen, die moderne (finanz-)ökonomische Prozesse stellen –, und dieser dann buchstäblich in seinen visuellen Dimensionen entfaltet werden soll, dann ist damit selbstverständlich nicht gemeint, dass Bilder und andere Modi des Visuellen die einzigen Sinnstrukturen sind, mit der die «Intelligibilität der Wirtschaft» (Jakob Tanner) gewährleistet ist. Unterschiedliche Formen und Modi der Bildlichkeit und der Visualität werden jedoch als besonders naheliegende Sinnstrukturen betrachtet, die Medialität des Geldsymbols und seine im sozialen Gebrauch changierenden Zustände zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit zu beleuchten.

Beobachtungsprobleme und Darstellungsherausforderungen der Ökonomie lenken die Aufmerksamkeit aber nicht nur auf die Frage nach den adäquaten Repräsentationsformen des Ökonomischen.

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