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Nach Boltanski ist damit das problematische Verhältnis von Kapitalismus und Staat versinnbildlicht: unsichtbar und ohne Spuren zu hinterlassen, wird es von Hand zu Hand weitergereicht, wobei die fremde Herkunft der Währungen «par la magie d'une opération de change» staatlich signiert und verdeckt wird. [7] In der Volatilität der Geldströme, die keine territorialen Grenzen anerkennen, steckt eine revolutionäre Dynamik, die der Staat begrenzen muss. Für Boltanski führt dies unweigerlich zur Kollision beider Logiken: Die Spannung zwischen Ökonomie und Staat entzündet sich an der flüssigen (flux), [8] heterogenen Realität des sich globalisierenden Kapitalismus, die diametral zur stabilen, territorialen Realität des Staates steht. Und mehr noch: weil beide Logiken miteinander konfligieren, aber dennoch untrennbar aufeinander bezogen sind, wird dieses Spannungsverhältnis zwischen den Polen offiziell/öffentlich/Staat und offiziös/privat/Kapital Boltanski zufolge zum Einsatzpunkt von Ermittlungen, die durch eine regelrechte ‹Hermeneutik des Komplotts› angesichts der Scheinallianz von Kapitalismus und Staat stimuliert werden. [9]

Die ZEITGEIST-Bewegung

Den Anfang bildet eine unter dem Pseudonym Peter Joseph ins Internet gestellte dokumentarische Film-Collage mit dem Titel ZEITGEIST: The Movie (USA 2007). [10] Der zweistündige Film hat sich über zahlreiche Netzwerke und Plattformen verbreitet, wurde mit Untertiteln in vierzig verschiedenen Sprachen versehen und avancierte so zur meistgesehenen Onlinedokumentation der Internetgeschichte.

Im Folgejahr kam es zur Fortsetzung durch ZEITGEIST: Addendum (USA 2008), was schliesslich zur Gründung der gleichnamigen ZEITGEIST-Bewegung führte, die Stammtische, Vorlesungsreihen sowie Internet- und Strassenaktionen organisierte. [11] Im ersten Teil machen die visuellen Ermittlungen von Ereignissen, die die Ökonomie und das Finanzwesen betreffen, nur einen Teil des Gesamtnarrativs aus, wobei dessen Dysfunktionen und sozialen Ungerechtigkeiten (Inflation, Verschuldung) ‹the men behind the curtains› zugerechnet werden, die als einzelne Banker, Politiker und Organisationen dargestellt werden.

Im zweiten und dritten Teil wird dieses Erklärungsmuster jedoch revidiert, indem mehr narrativer Aufwand zur Erklärung von ökonomischen und finanziellen Prozessen betrieben wird, ohne dabei die Ereignisse und Dysfunktionen den Handlungen von Einzelpersonen und Organisationen zuzurechnen. An ihre Stelle treten nun abstrakte Grössen wie ‹the monetary paradigm›, ‹the banking institution› oder einfach ‹the system›, deren Unsichtbarkeit sich in der Darstellungs- und Erklärungsweise niederschlägt.

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