>>
[7]

Michael J. Shapiro, Cinematic Political Thought. Narrating Race, Nation and Gender, Edinburgh 1999, S. 153.

 

Mittels dieser Rede situiert sich der Film nicht nur in einem konkreten zeithistorischen Moment, sondern lenkt unmittelbar den Fokus auf das bis heute unerschütterliche Dogma des Neoliberalismus, das Steuererhöhungen (für Reiche) nicht nur als Verbrechen, sondern von Reagan gar in McCarthy’scher Manier als anti-amerikanischen Verrat an der ganzen Nationalgeschichte deklariert. Indem Reagan die Losungen «Death and taxes» and «Taxation without representation is tyranny», die aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gegen die britische Kolonialmacht stammen, ideologisch umcodiert, erklärt sich die neoliberale und neokonservative Konterrevolution der 1980er Jahre selbst als ein revolutionäres Projekt. Auf rabiate Weise werden Steuererhöhungen mit dem Tod gleichgesetzt, dem Tod des amerikanischen Kapitals. Damit das Kapital wieder vital florieren kann, müssen die Steuern gesenkt werden.

Auf den tödlichen Anti-Amerikanismus der Steuer folgt in der assoziativen Verdichtung der Sequenz prompt der tödliche Anti-Amerikanismus des islamischen Terroristen, als ob ein interner Antagonismus externalisiert werden müsste. Chance spürt auf dem Hoteldach einen dynamitbeladenen Selbstmordattentäter auf, der vermutlich ein Attentat auf Reagan plant und der in manischen Parolen Israel und Amerika und allen Feinden des Islams den Tod wünscht. Nur weil Jimmy Hart im letzten Moment den Attentäter vom Dach zieht, überlebt Chance die Explosion. Wie Michael J. Shapiro in seiner anregenden Interpretation des Films anmerkt, spiegeln sich paradoxerweise die Worte Reagans und des Attentäters in der Affirmation des Exzesses: «Here, a comparison of saving and hoarding life to protect value versus achieving value by expending life passionately is presented as analogous to saving and hoarding versus spending money.» [7]

To Die and Live in L.A.: Wenn (kreative) Destruktion für die Wertbildung konstitutiv geworden ist, dann ist der Neoliberalismus dem Terrorismus näher als ihm lieb sein kann. Ein solcher Terrorist des Kapitals ist nämlich auch Masters. Ein (selbst)zerstörerischer (Todes)Trieb verbindet über das Feuer der Explosion den arabischen Terroristen mit dem Geldfälscher. Nicht zufällig wird auch Masters als Personifizierung einer nihilistischen Negation in den Film eingeführt: In seiner luxuriösen Designervilla rollt er ein selbstgemaltes Gemälde auf dem Boden auf, um es anschliessend in einer abrupten Reaktion draussen an die Wand zu heften und zu verbrennen: F for Fire, Masters ist Ikonophil und Ikonoklast zugleich. Diese rituelle Bilderzerstörung steht als symbolischer Akt für das extrem ambivalente Verhältnis zwischen Bild und Geld, die sich gegenseitig hervorbringen, nur um sich wieder gegenseitig zu vernichten.

<<  Ausgabe 05 | Seite 26  >>