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Zu 3.
Schon 1665 hatte Silvère de Bitainvieu ein Überblickswerk zur europäischen Fortifikation vorgelegt. [32] Neben mehreren französischen Fortifikationsmethoden beschrieb er Methoden der niederländischen, italienischen und spanischen Festungsbaukunst, wobei es ihm noch nicht um eine regionalspezifische Systematik ging, sondern um die Möglichkeiten regionaler Lösungen hinsichtlich universeller Probleme.

Eine erste historisch-systematische Aufbereitung des fortifikatorischen Wissens leistete Johann Jacob Werdmüller. [33] Er unterteilte die Fortifikationssysteme nach ihren Maximen und unterschied die deutsche von der italienischen und der niederländischen Fortifikation und einigen französischen Ableitungen. Bemerkenswert ist, dass Werdmüller die Axiome als bindend verstand und ihre Notwendigkeit für die Modellvorstellungen der Fortifikationstheorie heraushob, gleichzeitig aber ihre einschränkende Wirkung in der Fortifikationspraxis kritisierte. Er wies darauf hin, dass etliche Autoren an der Perfektionierung idealer Konzepte gearbeitet hätten, doch diese Ideale in der Praxis kaum taugten.

Die weitere Entwicklung der Fortifikation zeigte, dass es eine ‹Modellsituation› wie im zweiten Drittel des 17. Jahrhunderts nicht mehr geben würde. Die Fortifikationskunst wurde um 1700 wie schon vor 1600 wieder offener und vielfältiger, aber auch unübersichtlicher. Aus diesem Grund stellten sich einige Autoren der mühevollen Aufgabe, die verschiedenen Systeme und Manieren in möglichst einheitlicher Form aufzubereiten. Dabei ging es ihnen nicht um die Formentwicklung aus distanzierter Perspektive, sondern um eine Gesamtschau aller fortifikatorischen Alternativen, um eine wehrtechnische Bewertung der Methoden und Manieren vor dem Hintergrund der aktuellen Kriegstechniken und -technologien.

Um die Fortifikationsvielfalt zu ordnen, wurden die Manieren stärker als bisher konkreten Systemen zugeordnet: alt- und neuitalienisches System, alt- und neuniederländisches System und Manieren der französischen Fortifikation. Die spanische Fortifikation wurde als regionale Variante der italienischen Fortifikation zugeordnet. Leitmanieren wurden herausgestellt: beispielsweise die Manieren Freitags für die altniederländische Fortifikation, später die Manier Pagans und die drei (nachträglich systematisierten) Manieren Vaubans für die französische und Menno van Coehoorns Methoden für die neuniederländische Fortifikation.

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