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Flüssige Kristalle wurden als Modelle herangezogen, um das mechanistische Forschungsprogramm plausibel zu machen. Man behauptete nicht, dass etwa die Regeneration von Lebewesen notwendigerweise genauso verlief wie bei Kristallen, sondern nur, dass es möglicherweise so sein könnte. Damit hoffte man, die von Neovitalisten geäusserte Behauptung zu widerlegen, dass bestimmte bei Lebewesen aufzufindende Vorgänge nur unter Zuhilfenahme eines vitalen Prinzips erklärbar seien.

Kristallmodelle waren, wie die meisten Modelle, Assemblagen, das heisst Entitäten, die aus verschiedenen Bestandteilen zusammengesetzt wurden. [3] Um ihre Kohärenz herzustellen mussten alle dazugehörigen Elemente - kristallographische Theoreme, mikroskopische Bilder, Diagramme sowie textuelle Beschreibungen und Erklärungen - auf irgendeine Weise integriert werden. Im Falle der von Lehmann konstruierten Modelle geschah dies mittels eines Verweissystems, das die einzelnen Bestandteile wechselseitig aufeinander zu beziehen half. Hier spielten nicht nur Ziffern, Buchstaben, Bildunterschriften und inner- wie intertextuelle Bezüge eine wichtige Rolle, sondern auch intermediale Verweise, die durch Bildserien, Bildausschnitte sowie Wiederholungen bestimmter Bilder in verschiedenen Medien hergestellt wurden. All das diente sowohl dazu, die flüssigen Kristalle als Modelle zu konstituieren, als auch, diese als Argumente gegen vitalistische Behauptungen von der Irreduzibilität des Lebendigen ins Spiel zu bringen.

Da das Augenmerk im Folgenden auf die spezifische Funktion von Bildern gerichtet werden soll, werden diese zunächst als Bestandteile von Modellen betrachtet. Damit interessiert weniger die Eigenlogik des Bildlichen, als vielmehr seine Funktion innerhalb eines Verweissystems, das heisst seine Rolle für die Konstitution eines Modells. Bilder dienten zunächst einmal dazu, die flüssigen Kristalle als ‹lebhaft› darzustellen, das heisst, ihnen eine Lebensähnlichkeit zu verleihen, die sie als plausible Analogien zu einfachen biologischen Phänomenen etablierte. [4] Erst als lebhafte Kristalle wurden sie Modelle für Lebensphänomene, die dann als Argumente in die Kontroverse zwischen Mechanismus und Vitalismus eingebracht werden konnten. Wie zu zeigen sein wird, war es nicht gleichgültig, welche Art von Bildern dabei zum Einsatz kam.

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