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Erzähltraditionen der Vergeltung

Wie auch immer die Szene des Piazza-Armerina-Mosaiks ‹korrekt› aufzulösen ist, dies führt uns jedenfalls auch in der Betrachtung des Artemidorus-Greifen auf die semantische Interpretation der Szene. Den narrativen Zug der Greifenszene expressis verbis als Bildgeschichte zu untersuchen dürfte tatsächlich der wohl fruchtbarste Zugang zu deren Verständnis sein. Die Konfrontation von Greif und Löwe/Raubkatze ist zwar auch sonst zuweilen bildlich belegt, [27] allein mit dem Verweis darauf wird man der Artemidorus-Darstellung aber nicht gerecht. Denn diese «gruppo più ampio e complesso» [28] aller Tierdarstellungen auf dem Verso des Artemidorus-Papyrus weist aufgrund ihrer enormen Expressivität und der ungewöhnlichen Konstellation dreier interagierender Tiere auf ein übergreifendes Narrativ als sinngebende Instanz hin. Ein solches lässt sich vordergründig am ehesten in einer Passage aus dem zoologischen Traktat Über die Tiere (Peri zoon) von Timoteus von Gaza entdecken, der über das Tigerweibchen berichtet, dass dieses «gegen den Greifen einen Satz macht und ihn ergreift, wenn er ihrem Jungen nachstellt, und sie gibt nicht nach, bis sie sich mit Mühe zusammen mit ihm ins Meer wirft. Die Tigerin tötet oft den Greifen, der ein Vogel ist, grösser (als sie) und sogar als der Löwe.» [29]

Unsere Darstellung liesse sich folglich wie die zeichnerische Umsetzung von Timotheus’ literarischem Bericht auffassen. Dabei ist jedoch zu beachten, dass die Zeichnung eine Vorwegnahme der ― in dieser Form singulären ― Beschreibung des zoologisch versierten Autors ist, ja diesem um beinahe ein halbes Jahrtausend vorausgeht. Folgte man dieser Argumentationslinie, liesse sich die Zeichnung relativ zwanglos in die hellenistische Tradition zoologischer Abhandlungen einbetten, die von der historia animalium des Aristoteles, über die Tiergeschichten von Aelian und dem Physiologus, der Cynegetica des Oppian bis letztlich zu Timotheus reicht. Solcherlei Tiergeschichten berichten bevorzugt über staunenswerte Anekdoten und versahen diese mit moralischen Pointen. Sie interpretieren das Gebaren im Tierreich als Paradigma für menschliche Verhaltensweisen. [30] Ein Faktor kommt bei einer derart hellenozentristischen Verortung des Motivs jedoch zu kurz: Die Rolle Ägyptens als Motor von Sinn- und Bildproduktion. Dieser ‹Faktor Ägypten› sollte bei der Beurteilung des Papyrus Artemidorus aber berücksichtigt werden. Der Papyrus entstand entweder in Alexandria, dem eigentlichen intellektuellen Gravitationszentrum der graeco-ägyptischen Welt, [31] oder in der Provinz von Antaiopolis, wo der Papyrus den Indizien zufolge sein antikes Leben beendet hat, d.h. zu Pappmaché verarbeitet und zum Ausstopfen einer Mumie verwendet wurde.

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