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So, wie die Perspektivregeln für die proportionserhaltende Übertragung vom Kleinen ins Große zu bürgen schienen, so bürgt das exakte Modell für den Erfolg der damit geplanten Handlungen. Die visuelle Gleichsetzung des Modells von Siena mit einem Bild stellt es in den Kontext der Zentralperspektive und der damit verbundenen Hoffnungen auf das Gelingen der geplanten Bauvorhaben.

Auf diese Weise symbolisiert die Deutungsalternative zwischen Bild und Modell in der Diliberazione della guerra di Siena einen zuverlässigen Vorausgriff auf die Zukunft der geplanten militärischen Operation: Die Einsehbarkeit des Modells fällt mit der Einnehmbarkeit der Stadt zusammen. [12] Der Siegerkranz, so wird nun deutlich, bezieht sich in gleichem Masse auf das unmittelbar anstehende Eintreffen einer zündenden Idee für den Angriff auf Siena wie auf den erfolgreichen Ausgang der militärischen Operation selbst.

Zugleich aber wird durch die visuelle Gleichsetzung des Modells und des Bildes von Siena deutlich, dass sich, um eine Formulierung von Horst Bredekamp hier anzuverwandeln, Modelle geradezu notorisch an die Stelle des Modellierten zu setzen vermögen. [13] Die von Vasari ins Bild gesetzten Deutungsalternativen machen deutlich, dass der Versuch der Realisierung einer abbildlichen Unmittelbarkeit zu dem Problem führen kann, dass man nachher zwischen dem Modell und seinem Bezugsgegenstand nicht mehr unterscheiden kann. Dadurch wird deutlich, dass ein für besonders exakt, gut oder angemessen erachtetes Modell dazu neigt, seinen Bezugsgegenstand zu überstrahlen oder zu verdecken, dass der Preis für eine stabile Referenz zwischen Modell und Modelliertem in der Verschleifung der Unterschiede zwischen beiden liegt. Vasari verklärt hier also nicht nur das strategische Geschick Cosimos I., sondern bringt zugleich eine veritable modelltheoretische Position zum Ausdruck. Der visuelle Hybrid ist mehr als nur ein bildstrategischer Behelf, und er ist auch mehr als nur eine fruchtbare Verknüpfung von Bild und Modell. Vielmehr ist er überdies ein visuelles Modell des Zusammenhangs zwischen der Unmittelbarkeit exakter Referenz und dem Verschwimmen von Modell und Bezugsgegenstand.

 

Modell und Bildnis in bacchantischer Verschmelzung

Spuren einer ähnlichen modelltheoretischen Position lassen sich bei Vasari auch andernorts beobachten. Ein besonders prägnanter Beleg findet sich etwa in Vasaris Vita des Jacopo Sansovino in der zweiten Ausgabe der Vite de´ piu eccellenti pittori scultori e architetti von 1568.

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