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Der Ausdruck ist demnach körperseitenneutral, er kann bei Barthes zudem als ein Motiv im Verhältnis der Vor- zur Nachzeichnung verstanden werden, weil er eine besondere Qualität der Vorzeichnung benennt, die das Verhältnis von zeichnerischer Produktion und Reproduktion bestimmt, indem sie ein Nachzeichnen sowohl anregt als auch scheitern lässt. [3] Im Kommentar zu seinen eigenen Versuchen, Cy Twombly nachzuzeichnen, steigert Barthes die Metaphorik des Kontrollverlustes, indem er nicht nur vor- und nachzeichnende Hände in Beziehung setzt, sondern diese vielmehr schon mit der Grobmotorik von Füssen assoziiert: «Ich ahme nicht direkt TW nach (wozu auch?), ich ahme das tracing nach, das ich, wenn nicht unbewusst, so zumindest phantasierend, aus meiner Lektüre folgere; ich kopiere nicht das Produkt, sondern die Produktion. Ich trete sozusagen in die Fußstapfen der Hand.» [4]

Das Nachzeichnen versucht nicht bloss das Motiv eines Bildes nachzuahmen, sondern vielmehr die linkische Aktivität seiner bildlichen Hervorbringung. Dies geschieht allerdings gleich doppelt, die vorzeichnende Hand hinterlässt Fussspuren, in die, hinein tretend, die nachzeichnende Hand folgt. Nicht nur werden die beiden zeichnenden Hände damit zugleich zu Füssen degradiert, auch erscheint ihr Verhältnis zueinander, also das implizierte zeichnerische Regelfolgen als ein Verhältnis des Tretens, Getretenwerdens und Zurücktretens. Der assoziierte Wechsel der Extremitäten steht metaphorisch für die Unbeherrschbarkeit des Vorgangs und betont erneut die Unmöglichkeit einer ‹authentischen› Nachzeichnung aber auch eine Gemeinsamkeit zwischen vor- und nachzeichnender Hand, die sich scheinbar erst in der Dimension einer Motorik der Füsse begegnen können, also dort, wo sie weniger präzise agieren. So ist es kein Wunder, dass letztlich disparate Bilder entstehen, aber doch rätselhaft, inwiefern diese noch aufeinander bezogen sein sollen. In welcher Beziehung stehen vor- und nachzeichnende Hand?

In einem vordergründig zwar handlungstheoretischen [5] aber latent durchaus bildproduktiven Kontext [6] hatte Bernhard Waldenfels den Begriff des «Ungebärdigen» für das vorgeschlagen, was zwischen Pro- und Reproduktion geschieht, wenn beide nicht zur Übereinstimmung kommen. Hatte Barthes die Unerreichbarkeit des Vorgezeichneten noch negativ bestimmt, als die Originalität einer vorzeichnenden Hand, die über einen Qualitätsverlust nachweisbar wird, sobald die nachzeichnende sie verfehlt, so fasst Waldenfels die mögliche Abweichung der Reproduktion positiv, nämlich als notwendiges Fundament für die Entstehung des Neuen auf. Das Ungebärdige ist unverkennbar ein Synonym des Linkischen. Anders als dieses steht es aber nicht mehr auf der Seite der Vor- sondern vielmehr auf der der Nachzeichnung.

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