So interessant Sternenbilder als volkstümliches Wissen kulturgeschichtlich sein mögen, als wissenschaftliche, gar astronomische Visualisierung sind sie wenig bedeutend. Und doch lässt sich ausgehend vom Sternenbild eine ‹kleine Grammatik der Diagrammatik› gewinnen. Wir meinen – hier, an dieser Stelle – mit der ‹Grammatik der Diagrammatik› nicht mehr, als eine lose Aneinanderreihung von Attributen, die charakteristisch sind für Diagramme im Gebrauch. Und wir werden das anhand von drei unterschiedlichen Bildszenarien tun: Sternenbildern, Zahlenbildern und Beweisbildern. Doch beginnen wir mit dem Orion, von dem ausgehend wir sechs Attribute herausstellen wollen: (1) Flächigkeit, (2) Graphismus, (3) Relation, (4) phänomenaler Leibbezug, (5) Bild/Text Synthesen, (6) praktische und/oder theoretische Nützlichkeit.
1. Flächigkeit. Aus der unendlichen Tiefe des Weltalls machen Sternenbilder eine Fläche. So selbstverständlich übrigens ist das Vorkommnis bebilderter und beschrifteter Flächen in unserer dreidimensionalen Lebenswelt, dass uns kaum mehr auffällt, welche Sonderform von Räumlichkeit da vorliegt. Bei Flächen ist ein Dahinter oder Darunter eliminiert, einer Oberfläche wurde die Tiefe ‹geraubt› und alles was es zu sehen gibt, bietet sich in der Simultaneität einer Synopsis dar. Die ordnende Matrix ist das Nebeneinander und das Untereinander. Der Betrachter ist in die Vogelflugperspektive versetzt; er gewinnt, was wir sonst kaum haben: Überblick und Übersicht. Allerdings: realiter und also empirisch gibt es keine Flächen, vielmehr behandeln wir etwas als Fläche und zwar genau dadurch, dass alleine zählt, was der Fläche aufgezeichnet oder eingezeichnet ist. Bebilderungen und Einschreibungen lösen eine Metamorphose aus: Eine reale Oberfläche verwandelt sich in eine virtuelle Fläche, in ein Potenzial und einen Möglichkeitsraum für Inskriptionen.
2. Graphismus: Die Interaktion von Punkt, Strich und Fläche in deren Vollzug einer Oberfläche etwas eingraviert oder aufgetragen wird, entfaltet das Kraftfeld des Graphismus. Bedeutsam ist dieser für ästhetische und kognitive Erfahrung; der Graphismus ist die Wurzel der Zeichnung wie der Schrift. Als Verbindungs- oder als Grenzlinie kommt dem Strich eine besondere Bedeutung zu. Es ist der artifizielle Linienzug, der eine Verbindung zwischen Sternen konstruiert und eine Gestalt, die am Himmel nicht existiert, als Sternenkonstellation hervorbringt. Es ist auch der Linienzug, der abgrenzt, welche Sterne zur Figur gehören. Als Praxis der Einzeichnung führt der Strich übrigens ein Doppelleben: Er kann etwas wissenschaftlich exakt oder künstlerisch stilisiert abbilden; er kann aber auch in völliger Ungebundenheit im freien Spiel der Linienführung erzeugen, was noch nicht ist, oder niemals sein wird.