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Dass Diagramme Relationen zeigen ist nicht das allein Entscheidende, sondern wie sie das tun. Sie sind das Medium von topographischen Anordnungen, innerhalb derer räumliche oder nichträumliche, willkürliche oder regelhafte Verhältnisse zwischen Gegenständen sichtbar und dadurch handhabbar gemacht werden.

4. Phänomenaler Leibbezug. Im Orion-Bild ist klar: der Stern namens Rigel ist unten, Bellatrix ist die rechte ‹Schulter›, Betelgeuse die linke. Inskribierte Flächen zehren in ihrem Ordnungspotenzial davon, dass die durch unsere Leiblichkeit gestiftete dreifache Matrix von oben/unten, vorne/hinten, rechts/links (das sind – wie Kant schon bemerkte – die drei rechtwinklig aufeinander stehenden Schnittflächen unseres Körpers) als Formatierungsraster auf die Fläche projiziert wird, jedoch – und das ist entscheidend – unter Annullierung des vorne/hinten. Eine Verbindung zwischen zwei Punkten ist dann nicht nur eine Relation, sondern die Relation hat eine Richtung; und diese Richtung ist nicht unabhängig vom Betrachter und seiner Leiblichkeit. Diagramme sind in ihrer Anordnung auf die leibliche Verfassung ihrer Nutzer bezogen.

5. Bild/Text-Synthesen: Wären Eigennamen von Sternen nicht verzeichnet, stünden Sternenbilder nicht in einem kommentierten Katalog oder wären sie nicht in einen Text eingebettet, wie genau in diesem Glossar, würden Diagramme ihre Bedeutung verlieren. Diagramme sind Bild/Text-Spiele; schematisierende Zeichnung und geschriebenes Wort gehen darin eine Verbindung ein. Signifikant ist dabei, dass das geschriebene Wort eben nicht nur Wort, sondern vor allem ein Geschriebenes ist.

Die Schrift teilt mit der Zeichnung den Graphismus, die Nutzung der Zweidimensionalität der Fläche und den auf die Leser/Betrachter orientierten Richtungssinn; gerade weil Schriften nicht einfach Sprache sind, vielmehr in ihrer Schriftbildlichkeit elementare bildlich-visuelle Momente bergen, können sie sich so trefflich mit der Zeichnung vereinigen. Dabei geht es nicht nur um Textuelles innerhalb des Diagramms, sondern auch um den Text um das Diagramm herum. Diagramme sind – unter nahezu allen Umständen – eingebettet in und angewiesen auf Erklärungen. Wenn der Begriff ‹Kontext› buchstäblich Sinn macht, dann im Falle von Diagrammen. Diagramme finden ihren genuinen Ort im sie begleitenden, sie umgebenden Text.

6. Nützlichkeit: Selbst Sternenbilder haben eine Aufgabe: sie räumen den Himmel durch Gruppenbildung auf und verhelfen dem Sternenkundigen zur Selbstlokalisierung und Navigation. Diagramme sind von Nutzen. Anders als bei Kunstbildern ist nicht Selbstreferenz, sondern Fremdreferenz ihr Merkmal: Diagramme zeigen primär nicht sich, sondern sie zeigen etwas.

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